Realismus in der Kunst

I. Einleitung

Realismus in der Kunst – das ist ein sehr komplexes, schwieriges Thema. 

Für mich als Maler ist der Realismus seit Ende der 1980er Jahren die Stilrichtung, die meine künstlerische Haltung am besten beschreibt. Mit meiner persönlichen Erfahrung einerseits als Maler realistischer Bilder (mittlerweile sind es ca. 500) und andererseits als Kunstlehrer (als solcher war ich fast 40 Jahre tätig) sollte es mir gelingen, interessierten Leser*innen eine Idee und konkretere Vorstellung von Realismus in der Kunst zu vermitteln. Eine Idee, die Freude und Erkenntnisgewinn bei der Rezeption dieser Stilrichtung bzw. Haltung hoffentlich steigert.

 

II. Realismus: Ein Begriff, zwei Bedeutungen 

  1. Realismus als künstlerische Haltung 

Das ist das Streben danach, die sinnlich erfahrbare Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln in all ihren Erscheinungsformen möglichst getreu darzustellen, auch wenn diese unangenehm und unschön sind. Dies sollte jedoch nicht nur im Sinne einer objektiv wahrgenommenen und naturgetreu wiedergegebenen Wirklichkeit verstanden werden, sondern auch als Ausdruck der subjektiven Auffassung und persönlichen Darstellungsweise des jeweiligen Künstlers.    

In allen Sparten der Kunst wie z.B. Literatur, Bildende Kunst, Musik gibt es realistische Ansätze seit Menschen künstlerisch tätig sind.

In der Bildenden Kunst (Malerei, Grafik, Bildhauerei) sind es zum Beispiel: 

 

Höhlenmalerei Bison
Die Tierdarstellungen in der Höhlenmalerei, die aufgrund des Jagdzaubers die typischen Merkmale der jeweiligen Tiere  genau erfassen.
römisches Kaiserportrait
Die Kaiserportraits des römischen Reiches (als Münzen geprägt oder als Skulpturen)in denen die individuelle Physiognomie der Herrscher herausgearbeitet wird.
Mönch
 In der Gotik das malerische Darstellen des Individuums.
        
Der perspektivisch konstruierte Raum und das sensible Hervorheben
von Stofflichkeit in der Renaissance.
Im Barock das genaue Erfassen und die Darstellung von Lichtwirkung und Beleuchtung.
In der holländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts sind es detailliert geschilderte Szenen des Alltagslebens.

Merkmale von Realismus speziell in der Malerei sind: Aufmerksamkeit bezüglich Form, Farbe, Raum, Licht, Stofflichkeit,

Detailgenauigkeit auch in scheinbar nebensächlichen Bildbereichen,

Vermeidung von Idealisierung, Romantisierung und Symbolismen.


  1. Realismus als Kunststil bzw. Epoche (1855 bis ca. 1900)

Gustav Courbet (1819 – 1877) hat den Begriff  „Realismus“ 1955 etabliert. In diesem Jahr, fand der Pariser Salon, damals die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst, im Rahmen der Weltausstellung statt. Nachdem einige seiner eingereichten Werke ausjuriert wurden, veranstaltete er parallel zum Pariser Salon eine eigene Ausstellung. In dieser wurden etwa 40 seiner Arbeiten gezeigt. Er betitelte diese Ausstellung mit „Le Réalisme“.

 

Courbet und gleichgesinnte Maler der Epoche wie z. B. Honoré Daumier (1808 – 1877), Jean-Francois Millet (1814 – 1875), Adolph von Menzel (1815 – 1905), Wilhelm Leibl (1844 – 1900) und Ilya Repin (1844 – 1930) stellten sich gegen die Konventionen von Klassizismus und Romantik in der idealistischen, akademischen Kunst. Sie wollten lebendige Kunst schaffen.

In politisch motivierten Werken wandten sich diese Künstler sozialkritisch der gesellschaftlichen Realität zu und rückten auch die Unterschicht (vorwiegend Industriearbeiter und Bauern) in den Vordergrund. Es war ihnen ein Anliegen deren harten Arbeitsalltag und prekäre Lebensbedingungen sachlich, ohne zu idealisieren, dem Publikum vor Augen zu führen.6


In der Landschaftsmalerei 7 sind für diese Epoche neben Courbet Künstler der „Schule von Barbizon“ (insbesondere Camille Corot 1796 – 1876, Charles-Francois Daubigny 1817 – 1878, Jean-Francois Millet 1814 – 1875, Théodore Rousseau 1811 – 1867 und Constant Troyon 1810 – 1865) von Bedeutung. Ihre Bildthemen waren Naturausschnitte, die sie entsprechend ihrer realistischen Grundhaltung getreu ihrer eigenen Wahrnehmung unidealisiert wiedergaben. Diese Künstler hatten im Wald von Fontainebleau ihren Rückzugsort aus der Großstadt Paris gefunden und widmeten sich dort der Freilichtmalerei (Pleinairmalerei). Das Malen direkt in der Natur wurde ihnen dadurch erleichtert, dass Mitte des 19. Jahrhunderts Ölfarben in Tuben in den Handel gekommen sind. 

Durch das Malen im Freien konnten die Künstler das Licht mit seinen Veränderungen im Tagesverlauf genau beobachten und es auf eine Weise darstellen, die sie zu Wegbereitern des Impressionismus macht.


III. Realismus Kunst Malerei Strömungen im 20. und 21. Jahrhundert


( Aus urheberrechtlichen Gründen war es mir leider nicht möglich, passende Bildbeispiele in das Kapitel III aufzunehmen. Alle genannten Künstler lassen sich aber unschwer im Internet finden. )


  1. Neue Sachlichkeit

Die neue Sachlichkeit hat sich im Deutschen Reich zwischen ersten und zweiten Weltkrieg etabliert. Wichtige Vertreter dieser Richtung sind unter anderem Christian Schad, Karl Hubbuch, Rudolf Schlichter, Karl Grossberg, Anton Räderscheidt, George Grosz und Otto Dix, Max Beckmann.

Häufig werden mit sozialkritischen Themen die Folgen des ersten Weltkriegs aufgezeigt und verarbeitet. Mit einer explizit sachlichen Darstellungsweise distanzieren sich die Künstler von Tendenzen der Abstraktion, insbesondere vom Kubismus einerseits und andererseits vom emotional aufgeladenen Expressionismus. 

  1. Amerikanischer Realismus

Der Amerikanische Realismus entwickelte sich am Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA, als sich dort Künstler*innen (zum Beispiel Edward Hopper, Charles Sheeler, Grant Wood, Andrew Wyeth, Philip Pearlstein und Alice Neel) von der europäischen Avantgarde mit ihren abstrahierenden Tendenzen ausdrücklich abgrenzten. Er wird als erste eigenständige Kunstrichtung der USA angesehen. Typisch für diese Strömung der realistischen Malerei ist das Beschreiben des amerikanischen Lebensstils in alltäglichen und sozialkritischen Bildinhalten.


  1. Sozialistischer Realismus

Ab 1930 in der damaligen Sowjetunion und ab 1949 dann auch in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik wurde der Sozialistische Realismus zur dominierenden Kunstrichtung. Sie war per staatlicher Anordnung für alle Künstler vorgegeben worden und der Staat war der Hauptauftraggeber für Kunstschaffende. 

Es erscheint sehr fraglich, ob diese Stilrichtung mit der Bezeichnung „Realismus“ zutreffend beschrieben wird. Denn Schwerpunkt dieser Richtung ist nicht die ungeschönte Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern die Verherrlichung der Arbeiterklasse und des Bauerntums in propagandistischer Art und Weise. 


  1. Fotorealismus

Der Fotorealismus entwickelte sich ab den 1960er Jahren hauptsächlich in den USA und in Europa. Durch die Dokumenta 5 im Jahr 1972 wurde er einem größeren Publikum bekannt.

Die Künstler nahmen Diapositive, die sie auf die Leinwand projizierten zur Vorlage und malten, oftmals sehr großformatige, Bilder. Diese arbeiteten sie so detailgenau aus, dass die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei verschwammen. Dabei kam es ihnen nicht, wie oftmals kritisiert, nur auf technische Perfektion an. Insbesondere versuchten sie auch die Unzulänglichkeiten (z.B. Unschärfe durch Bewegung oder mangelnde Schärfentiefe und Farbstichigkeit) des scheinbar so perfekten Mediums der Fotografie mit ihrer Malerei offenzulegen.

Da die Malweise der Fotorealisten wenig eigene Handschrift zeigt, versuchten sich die Künstler durch Spezialisierung auf bestimmte Themen voneinander abzuheben. Als Künstler können hier zum Beispiel genannt werden: Chuck Close (überdimensionale Gesichter), Ralph Goings (Schnellrestaurants), Robert Cottingham (Neonschriften), Richard Estes (Stadtansichten), Franz Gertsch (Portraits und Gräser)


  1. Einzelne Künstlerpersönlichkeiten mit realistischer Haltung

Claudio Bravo (1936-2011)

Lucian Freud (1922-2011) 

Johannes Grützke (1937-2017)

Antonio Lopez Garcia (geb. 1936)

Erwin Pfrang (geb. 1951)

Gerhard Richter (geb. 1932)


Bei diesen Künstlern ist es meiner Meinung nach  noch zu früh oder wird es  gar nicht möglich sein, sie in kunsthistorische Schubladen einzuordnen.

Es ist mir aber ein persönliches Anliegen, sie in diesem Zusammenhang zu erwähnen, weil sie für mich und meine Malerei von großer Bedeutung sind.


  1. Realismus Kunst Malerei Eigene Arbeiten Öl auf Leinwand

  1. Atelierstillleben Vier Frauen, 120 x 100 cm, 1988

Dieses Stillleben habe ich vor dem Motiv gemalt, das heißt, dass ich den Bildgegenstand tatsächlich vor mir hatte. Ich habe es in meinem Atelier zusammengestellt aus zwei meiner Ölgemälde, die kurz zuvor entstanden waren, einer meiner „100 Vasenfrauen“, einer meiner Blechskulpturen und einer afrikanischen Holzfigur.


Räumliche Wirkung

Schon bei der Auswahl und Positionierung der Objekte verfolgte ich ein räumliches Konzept: Die beiden Gemälde, an sich flache Gegenstände, sind zwar fast bildparallel angeordnet, wirken aber doch dreidimensional und zwar auf unterschiedliche Art. 

Im angeschnittenen Ölgemälde, dem „Bild im Bild“, das an der Wand hängt, führt der gemalte Boden, derselbe wie unten im Stillleben selbst, in die Tiefe, insbesondere durch den darauf abgestellten Teller mit dem stark verkürzten Löffel. Auf dem „Bild im Bild“, das am Boden steht, schafft das Volumen des Oberkörpers der abgebildeten Frau durch seine Plastizität Raum.

Die Räumlichkeit der drei auf dem Boden stehenden Figuren wird durch die gewölbten, runden Formen der Vasenfrau und der afrikanischen Mutter-Kind Skulptur, sowie die flachen, in sich verwinkelten Ebenen der Blechskulptur noch verstärkt. Durch die gestaffelte und sich teilweise überschneidende Anordnung der drei Figuren entsteht zusätzlich Raumtiefe.


Malerische Umsetzung und Stofflichkeit

Bei der malerischen Gestaltung habe ich großen Wert darauf gelegt, dass die Materialien der abgebildeten Gegenstände, namentlich der Holzfigur, der tönernen Vasenfrau, der Blechskulptur, des Linoleums und des Teppichbodens möglichst realitätsgetreu in ihrer charakteristischen Stofflichkeit erscheinen.


Lichtwirkung

Wichtig für die realistische Darstellung der Situation war mir auch, Licht und Schatten genau zu beobachten und bis ins Detail wiederzugeben. Beispiele hierfür sind: 

  • die Schlagschatten an der linken unteren Ecke des Bildes an der Wand, die verraten, dass der Keilrahmen verzogen ist,
  • der Schlagschatten des Bildes am Boden, der entstanden ist, weil das Bild leicht schräg an die Wand gelehnt ist,
  • der Schlagschatten der Vasenfrau, an dem man erkennt, dass sie wegen des Höhenunterschieds zwischen Linoleum und Teppichboden schief steht.

Dass diese drei „Schräglagen“, die die Schlagschatten offenbaren, nicht vor dem Malen beseitigt wurden, gehört für mich ebenso zum Realismus wie der verschmutzte Atelierboden.


Auf zwei Dinge, die ich an dem Bild mag, möchte ich noch aufmerksam machen:

  • wie die Schatten der Vasenfrau und der afrikanischen Statue Fußboden, Wand und das oben hängende Gemälde verbinden und
  • wie eine Korrespondenz entsteht zwischen der Schale auf dem Kopf der Vasenfrau und dem Teller auf dem Bild an der Wand.


  1. Doppelportrait vor Schaufenster, 110 x 160 cm, 1995

Dieses Bild habe ich nach einem Foto gemalt, das ich in der Augsburger Innenstadt aufgenommen hatte, als gerade zwei Personen an einem Modegeschäft vorbeigingen. Die Szene ist voller Gegensätze: Im Schaufenster des Ladens sind vier Modepuppen ausgestellt, allesamt blond, jung sowie elegant und modern in Schwarz-Weiß gekleidet. Bei den beiden Personen handelt es sich um ein älteres, grauhaariges Paar, das schlichte blaue Kleidung trägt.

Das Paar bewegt sich von links nach rechts, drei der Modepuppen haben ihren Kopf nach links gewandt.

Es ist keinerlei Kommunikation oder Interaktion zwischen den sechs Figuren auf dem Bild zu sehen. Lediglich als zufällige Konstellation des Moments ergibt sich eine optische Verbindung der beiden Menschen mit der Modepuppe, deren Kopf nach vorne gerichtet ist. Der Blick des Betrachters wird von der älteren Frau vorne über ihren Begleiter hin zur Puppe diagonal in die Tiefe des Raumes geleitet.

Im Übrigen herrschen nach hinten gestufte, bildparallele Ebenen vor: Der Schriftzug auf der Schaufensterscheibe links unten, die Reihe der vier Schaufensterpuppen, der gelbe Hintergrund des linken und der weiße Hintergrund des rechten Teils des Schaufensters. Auf der Schaufensterscheibe spiegeln sich die Fassaden der gegenüberliegenden Läden und das Paar mit seiner Einkaufstüte.

Bei dem Bild mit der alltäglichen Straßenszene bin ich in der Weise der Fotorealisten vorgegangen: Ich habe ein Diapositiv auf die Leinwand projiziert und die Konturen mit Bleistift aufgezeichnet. Das Bild ist in vielen dünnen, lasierenden Farbschichten aufgebaut, um die gewünschte Farbtiefe zu erzielen. Weiche Haarpinsel ermöglichten mir, die Farbübergänge so subtil herauszuarbeiten, dass der Effekt der unterschiedlichen Beleuchtung durch die Spotlichter im Geschäft einerseits und das kalte Tageslicht auf der Straße andererseits deutlich hervortreten.

Durch die zarten Lasuren konnte ich auch die Spiegelungen auf der Schaufensterscheibe „fotorealistisch“ wiedergeben (zum Beispiel die spiegelverkehrte Schrift im rechten oberen Eck und die Spiegelung des Paares an der Grenze zwischen dem weißen und dem gelben Hintergrund der minimalistischen Schaufensterdekoration).

Diese Malweise, die keinerlei Pinselduktus, also künstlerische Handschrift, erkennen lässt, ist gut geeignet glattes Material sehr realistisch darzustellen wie zum Beispiel das, aus dem die  Schaufensterpuppen gefertigt sind. Die Lebendigkeit der Haut und der Haare des Paares dagegen konnte ich nur dadurch herausarbeiten, dass ich die Farben pastoser aufgetragen habe. Die Schwierigkeit dabei war, den einheitlichen malerischen Gesamteindruck des Bildes nicht zu beeinträchtigen.